Artikel aus der KolumneDer folgende Bericht wurde mir von Patrick Fey zur Verfügung gestellt.
14. Juli 2007, 3 Uhr morgens: es geht los, eine Woche Urlaub auf Rügen
im hohen Nordosten Deutschlands. Eine Woche ohne Lärmreservat Saarland.
Je weiter wir auf der Autobahn nach Norden vordringen, desto spärlicher
werden die Flugspuren des zivilen Luftverkehrs am Himmel über uns. Ein
paar Bedenken sind da noch: Werden wir dort wirklich Ruhe und Erholung
finden, oder ist die Seuche Fluglärm auch dort schon angekommen?
Immerhin befindet sich in der Nachbarschaft ein Luftübungsraum namens
"ED-R 206", der aber laut Karte die Insel nicht umfasst. Samstag Nacht
kommen wir an, draußen herrscht fast totale Stille. Eine nette
Begrüßung, wie ich finde. Sonntags aufstehen, der Blick zum Himmel zeigt
vereinzelte Kondensstreifen von sehr hoch fliegendem Zivilverkehr und
hin und wieder ein paar tiefer fliegende Maschinen, möglicherweise
Verkehr von Kopenhagen und Rostock, insgesamt aber nicht tragisch.
Scheint doch ganz gut zu sein hier.
Montags dann eine weitere positive
Überraschung: der Himmel präsentiert sich nahezu frei von jeglichen
Flugspuren, nur spärlich kommt sehr hoch fliegender Linienverkehr
durch. Der lärmtraumatisierte Saarländer denkt beim Fehlen von
Kondensstreifen natürlich sofort an zu Hause, wo dieses Bild für einen
für Zivilflüge gesperrten Luftraum und unkalkulierbar hereinbrechenden
Lärm durch Kampfjets steht, und befürchtet schon das Schlimmste. Doch es
bleibt ruhig. Langsam entkrampfen sich die angespannten Sinne, die
Schultern senken sich aus der mittlerweile dauerhaft angstvoll
hochgezogenen Position in eine entspannte Haltung, und das
lärmzermarterte Hirn erinnert sich: so war es früher auch einmal zu
Hause. Früher, bevor skrupellose Politiker und gewissenlose Militärs
beschlossen haben, meine Heimat zur akustischen Müllhalde
umzufunktionieren, in der über meinem Kopf den ganzen Tag lautstark für
den Krieg geprobt werden darf. Außerhalb des saarländischen
Lärmreservates sind Dinge möglich, von denen man bei uns nicht mehr zu
träumen wagt. Beispielsweise kann man sich morgens (!) mit einem Buch
auf die Terrasse setzen und ungestört lesen. Oder den ganzen Tag mit dem
Fahrrad über die Insel streifen, ohne von tief fliegenden oder
dauerdröhnenden F-16 und Tornados terrorisiert zu werden. Oder den Abend
mit Freunden im Freien verbringen, ohne dass US-Militärtransporter die
Luft mit Lärm und Dreck verpesten. Unglaublich, aber wahr.
In diesem
Stil geht es die ganze Urlaubswoche weiter, und irgendwann schaffe ich
es sogar, mich über das schöne Wetter zu freuen - ein Gefühl, das mir zu
Hause schon längst abhanden gekommen ist, denn schönes Wetter ist
Lärmwetter. Ich fange an zu begreifen, dass die Ruhe hier normal ist und
wünsche mir diesen Zustand auch für meine Heimat, weil ich glaube, dass
auch das Saarland, seine Bewohner und seine Besucher es verdient haben,
in einer menschenwürdigen Umwelt zu leben. Der Abschied fällt mir
schwer, und ich überlege, ob es nicht möglich ist, hierzubleiben, hier,
wo man nicht von 7 Uhr morgens bis 23:30 Uhr in der Nacht mit militärischem
Fluglärm gefoltert wird. Aber zu Hause gibt es noch Verpflichtungen,
unter anderem den Kampf gegen die militärische Lärmseuche und unfähige
Politiker, die nur auf dem Papier Politik für die Menschen machen, und
ich habe keine andere Wahl, als nach Hause zu fahren.
23. Juli 2007, 16:40: die Luft dröhnt wieder in Bexbach vom Nachbrenner eines Kampfjets.
Bexbach, im Juli 2007
Patrick Fey
Alle Kolumnentexte findet man im Archiv.